Montag, 2. Oktober 2017

Granfondo Tre Valli Varesine

Wenn ich schon fremd gehe, dann grad gern richtig exzessiv! Und so wie ich meine sportliche Saison 2017 im April bereits auf dem Rad begonnen hatte, wollte ich sie heuer auch beenden: im Sattel und total am Limit. Auf den holprigen Pavés von Paris-Roubaix ging’s ja um Nichts ausser dem „Spass“ an sich und einen Finish im Velodrom, für mein Saisonfinale aber hatte ich mir nichts Geringeres als die Qualifikation für die UCI Agegroup-WM 2018 im Zeitfahren in den Kopf gesetzt. Denn manchmal ist es das Vernünftigste, etwas verrückt zu sein.

Gran Fondo World Series...
..., das sind Jedermann-Rennen des Weltradsport-Verbands UCI, bei welchen man sich eben für die Weltmeisterschaft qualifizieren kann. Das Prozedere ist vergleichbar mit dem der Firma Ironman, bei dem sich Triathleten bei diversen Rennen überall auf dem Globus mit einer Topplatzierung ein Ticket für die WM in Kona, Hawaii sichern können. Gran Fondo ist also kein popliger Wurst-und-Brot-Velo-Plausch, sondern hartes Business respektive Radsport auf allerhöchstem Niveau.

Cronometro Individuale
Am vergangenen Samstag also der Tag X: Das Zeitfahren über 22 Kilometer. Klingt nach Spaziergang, ist aber Schwerstarbeit! Nur schon die Zeit bis zum eigentlichen Start zu überleben... Mamma mia, war ich nervös. Alle Ragazza top ausgerüstet in ihren knallengen, aerodynamischen Gwändli und mit ihrem auf Hochglanz poliertem Hightech-Equipment, mein alterndes Scotty mit Holzrad und mein Giro-Calimero-Helm schienen daneben vom Flohmarkt aus längst vergangenen Tagen zu kommen. Hobel ausmessen und wägen lassen, die Startnummern mehrfach von den gewissenhaften Funktionären checken lassen. Die Warterei vor der Rampe, die Schlange der Athletinnen, die mich im 30-Sekunden-Takt immer näher ans Schafott schiebt. 

Dieci secondi. Das Herz schlägt bereits bis zum Hals. Tre, due, uno - 14:44.30! Vermutlich fühlt sich ein Astronaut recht ähnlich beim Start seines Spaceshuttles... Es gibt nur noch das rasende Herz, Gedankenleere, du willst nur noch die ganze Kraft aus den Beinen optimal auf die Pedalen drücken. Nach wenigen Minuten bin ich bereits aus dem verwinkelten Zentrum heraus. Bämm, bämm, bämm, das Herz scheint bereits zu zerspringen. Schon bald sammle ich die ersten Athletinnen ein, was mich aber nicht interessiert, denn ich habe stets in mehr oder weniger gleich bleibendem Abstand die Französin Carole Sappey im Visier. Wenn die Beine allzu sehr schmerzen, schalte ich einen Gang runter, aber nur ganz kurz, halte die Kadenz hoch, ein paarmal tief durchatmen, das Leiden zu vergessen versuchen, die Gedanken bündeln und den Fokus zurück auf die Beine lenken, dann wieder rauf schalten und weiter drücken. Rund 10 Kilometer windet sich die Strecke das Tal hinauf, es ist nirgends steil, aber eben auch nicht flach, 'nur' 175 Höhenmeter. Ich kämpfe, ringe mit dem Atem, huste, rotze, immer ganz kurz vor dem Kollaps. Auch die Abfahrt zurück Richtung Stadt ist hart, denn die fiesen Gegenanstiege gönnen einem wirklich keinen Augenblick Pause. Immer wieder sehe ich den rosa Helm und die Tricolore auf Carole’s Rücken. Ich will es so! Bis zum allerletzten Meter fighte ich, sehe schon längstens weisse Punkte tanzen, schmecke Eisen im Mund, scheine zu explodieren, tropfe, triefe, bin dermassen überhitzt. Im Ziel dann fällt all die Anspannung mit einem Mal ab und im Körper breiten sich im Nu all die Glückshormone aus. Eine herzliche Umarmung, gegenseitige Beglückwünschungen, kurze Manöverkritik. Der Ausgang des Rennens würde extrem knapp werden.

Die Siegerehrung dann war einfach der Hammer. Allein schon da dabei sein zu dürfen war ein Erlebnis. Eine Zelebration der Superlative, einfach genial. Am Ende entscheidet Carole das Rennen für sich, läppische 11 Sekunden habe ich auf sie verloren. Dafür habe ich eine total stylische, goldene UCI Gran Fondo World Series Medaille mit Weltmeisterschaftsstreifen gewonnen, wertvolle Erfahrung gesammelt, sackstarke Frauen kennengelernt und das WM-Ticket, das habe ich obendrein jetzt auch schon im Sack.

Granfondo
Leider ging es am Sonntag dann etwas weniger erfolgreich weiter. Und das trug sich so zu: Beizeiten fanden sich im Centro von Varese 4000 Ciclisti zwischen 19 und 75 Jahren ein, schön sortiert nach Altersklassen und Geschlechtern. Wir Frauen durften erst als zweitletzte Kategorie auf die rund 130 km lange und mit unzähligen Anstiegen gespickte Piste. Jeder Start auf dem Corso wurde als Volksfest gefeiert, bei uns Frauen zum Beispiel fuhr noch schnell der Bürgermeister mit seiner staatsmännischen Karosse vor, winkte rasch für die Presse und räumte dann sofort das Feld wieder. Da inmitten von 150 anderen Donne zu stehen war schon ein Erlebnis für sich! Ja und dann, dann ging’s endlich los, knappe 200 Meter gerade aus, dort um einen riesigen Kreisel, wo es hinter mir irgendwo bereits zum ersten Massensturz des Tages kam. Das gab’s doch nicht. Das angeschlagene Tempo war ab Start horrend und das Fahren im grossen Feld extrem hektisch. Jeder Richtungswechsel verursachte neue Stürze, da gab es üble Brems- und Ausweichmanöver, Gedränge, nicht schön, wirklich. Nach 10 km ging’s dann zum Glück in den ersten längeren und happigen Anstieg wodurch das Feld auseinander fiel. Mit der ersten Gruppe konnte ich von da an nicht mehr mithalten, keine Chance.

Nachdem das Tempo zu Beginn derart hoch war, war ich dann aber doch etwas überrascht, wie schlecht die Leute bergab fuhren... Die Abfahrten waren zwar eng, nass und mit Maroni und Laub paniert, aber durchaus fahrbar, zumal die Strecken ja komplett gesperrt waren und man nicht mit Gegenverkehr rechnen musste. Es gab trotzdem immer wieder Athleten und Athletinnen, die den Boden küssten, so den handelsüblichen 1% Ausfall eben, zu dem man hofft, nie selbst zu gehören... An den Seen entlang dann der Kampf um Anschluss an eine Gruppe, bevor im nächsten Anstieg wieder alles auseinander fiel. Brutal anstrengend! Irgendwann habe ich mit einem drahtigen Nonno und zwei weiteren Frauen ein Zügli bilden können, das ohne Worte gut harmonierte. Beim 2. Verpflegungsposten kurz vor der 4. längeren Rampe musste ich meinen Bidon auffüllen, meine neuen Gefährten warteten natürlich nicht, ist ja ein Rennen. Ich hoffte, im Anstieg wieder etwas Zeit gut machen zu können und dann in der Abfahrt aufs Zügli aufzufahren. Also biss ich in den Lenker, quälte mich da fast 3 km lang rauf, ein Pässli à la Sarenne, also wirklich ganz übel! Aber alles hat ja ein Ende, uns so freute ich mich nach gut 70 km und 2 Stunden 40 Minuten Plackerei auf die kommende Abfahrt.

Leider war dann aber da nach der zweiten Kurve bei Kilometer 71 Ende Feuer. Ich hatte doch tatsächlich einen Plattfuss! Also links raus fahren, fluchen, husch husch das Rad ausbauen, mit zittrigen Fingern den Pneu runter reissen, den Ersatzschlauch reinwursteln,... Shit, das Ventil war viel zu kurz! Also Ventilverlängerung suchen, alles gar kein Problem, ich bin ja gerüstet. Aber gibt’s denn so was? Die Verlängerung ist nicht kompatibel. In der Zwischenzeit hat ein älterer Herr bei mir angehalten um mich zu retten. Wie charmant ist denn das?! Er sucht in seinem Ersatzmaterial etwas Passendes, wir hantieren mit Werkzeug, Schläuchen, Ventilen, wir fluchen stereo auf Italienisch und Schwyzertütsch, aber es nützt alles nichts. Game over. Ich bedanke mich artig für den Hilfeversuch, wünsche Glück und schicke ihn zurück ins Rennen.

Wenige Augenblicke später hält das Medical Support Auto bei mir. Ich erkläre mit Händen und Füssen, dass ich einen Defekt am Rad und eine hässliche Erkältung habe. Dabei huste ich wie eine Kettenraucherin nach durchzechter Nacht. Ja, und in dem Augenblick wird mir klar, dass dies jetzt der Moment ist um einfach aufzuhören. Also räumen der Dottore und sein Fahrer den Kofferraum mit all dem Verbandsmaterial und den noch nicht verbrachten Halskrausen so um, dass mein Velo irgendwie noch oben drauf geht, das Vorderrad nehme ich auf die Knie, ich bin gerettet!

Die Fahrt nach Varese war also auch ein echt klasse Erlebnis! Der Funk und die Telefonie liefen nonstop heiss, in jedem Dorf gab’s noch einen Schwatz mit den Carabinieri oder zumindest ein kleines Hupkonzert, der Chauffeur Luigi erkundigte sich alle paar Minuten nach meinem Befinden und der Dottore hat mir sogar noch sein Sandwich angeboten. Sie sorgen sich liebevoll um mich und hätten mich vielleicht sogar bis vor die heimische Haustüre gefahren, wenn ich sie nur darum gebeten hätte. In einem Sprachmix aus Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch, wohl bemerkt, ich kann ja immer noch kein Italienisch... Das war wohl die herzlichste und herzigste Taxifahrt meines Lebens, und obendrein auch noch die billigste. Vor dem Rathaus in Varese haben sie mich dann mit einer Umarmung entlassen. Sooooo lieb!

Und wie das Leben so spielt, rollt in diesem Moment mein Don Carbone auf die Piazza, total erledigt nach dem wohl härtesten Radrennen seines Lebens und etwas gezeichnet auch vom Zeitfahren des Vortages. Happy End. Und ich so? Ich bin überhaupt nicht gefrustet, dass ich den Granfondo nicht zu Ende fahren konnte. Ich habe in diesen beiden Tagen dermassen viel erlebt, so viele tolle Menschen kennen gelernt, die Herzlichkeit der Varesini hautnah gespürt, so viele Emotionen durchlebt und so viel Glück gefunden – ein besseres Saisonende kann’s gar nicht geben! 


Montag, 25. September 2017

Er & Sie

Ready to rumble!
Gestern um 15.23 Uhr war es also wieder so weit: mein Saisonhighlight in Fulenbach. Fulenbach, noch nie gehört?! Tja, dann hast du definitiv etwas verpasst... Dort am Fusse des Juras, grad da wo die Kantone Aargau, Bern und Solothurn zusammen treffen und sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, darf man sich Ende September jeweils auf einem 10km Rundkurs ins Nirvana pedalieren, wahlweise über eine, zwei oder drei Runden, mit oder ohne Partner, auf Renner, Zeitfahrmaschine oder Militärgöppel. Das Ganze wird dann im Clubhäuschen bei Sinalco & Nussgipfel oder Wurst & Bier gefeiert. Die Startgebühr ist gering und der Fun gross!!!

Wie gesagt, um 15.23 Uhr stürzte ich mich hinter Don Carbone ins Gefecht. Meine Taktik war einfach: Klappe halten (siehe Erlebnisbericht vom vergangenen Jahr), dran bleiben und die 27 Minuten irgendwie überleben. Ab den ersten Metern litt ich wie nur was, lago mio! Die Beine waren nicht einmal so besonders sauer, aber die Lunge explodierte schon nach 3km und die Sternchen tanzten fröhlich.

Wir sind ja ein eingespieltes Team, der Don und ich. Wir haben die Kommandos „ho“ und „hü“ noch einmal im Training repetiert, seine Pulswerte auf meine Eskalationsschwelle einjustiert, wir haben über die Wellen, engen Kurven und kniffligen Passagen gesprochen, alles war also klar. Aber offenbar hatte Mr. Carbone dieses Mal einfach die Handbremse von Anfang an gelöst, möglicherweise lag’s an seinem neuen Hinterrad und den Gummischuhen, auf alle Fälle war ich ab Start ennet dem Limit, wollte sterben, wegfallen, aufgeben. Hab ich aber na logo nicht gemacht, nein. Die Klappe gehalten habe ich dann aber doch nicht immer ganz, ich musste tatsächlich einige wenige Male um etwas Gnade flehen, also um eine kleine Temporeduktion. Mit fast einem 44er-Schnitt überquerten wir schliesslich nach viel  Leiden den Zielstrich, wo ich erst mal mässig elegant zu Boden ging. War das wieder geil gewesen! Leben am Limit.


Die legendäre Startrampe!
Im Clubhäuschen dann fröhlich-chaotisches Rangverlesen und Beisammensein mit Gleichgesinnten, u.a. Marlen Reusser, der Schweizermeisterin im Zeitfahren (danke noch mal für die Blumen), Jutta Stienen und Marcia Eicher, den beiden Legenden des Schweizer Damenradsports und Lokomotiven der Superklasse, Baddredin Wais, von dem du kürzlich sicherlich auch schon gelesen hast und Urs Zimmermann, der 1984 die Tour de Suisse für sich entscheiden konnte und auch leicht angegraut und mit der ein oder anderen Furche aus seinem harten Radfahrerleben noch die Szene aufmischt. Die Kategorie „Sie & Er Vitesse“ durften der Don und ich erneut gewinnen mit einem Vorsprung von fast 100 Sekunden aufs nächste Paar – ohne die Altersbonifikation mit einzurechnen, versteht sich ;-) Was für ein phänomenaler Sonntag, einfach grosse Spitzenklasse, dieses Paarzeitfahren!

Mittwoch, 6. September 2017

nEverest

sun, fun & some teaching to do
Wenn ich als Lehrerin im Klassenzimmer oder in der Turnhalle, irgendwo im freien Feld oder hinterm Klavier stehe, dann freue ich mich über all die lustigen, spannenden, bewegenden, interessanten, beschwingenden, sinnstiftenden und manchmal sogar lehrreichen Augenblicke zusammen mit den Kids. Das Glänzen in ihren Augen, gemeinsam auf Entdeckungstour gehen, die Welt erforschen, zusammen etwas lernen, das ist einfach toll! 

Aber weil nicht alle Kinder diese Möglichkeiten haben, stellte ich meine persönlichen Ambitionen vergangenen Samstag für einmal zurück und habe für Kinder in Kenia geschwitzt. Und auch ein bisschen gefroren, also ziemlich sogar. Eigentlich wollte ich 10 Mal über die Pässe Buchenegg und Albis radeln, was sich zu 180 km und 4750 Höhenmetern addiert hätte, aber das Wetter und schliesslich auch meine Vernunft haben mir einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Eine Ströfzgi bekam ich zum Glück deswegen keine, und auch kein DNF ins Milchbüechli, ich habe nämlich mein Unterfangen ganz einfach gesplittet: Zuerst verbrachte ich 6 Runden (also knappe 5 Stunden) im Sattel. Ein frostiger Regenschauer hat mich dann aber zu Beginn der 6. Runde ziemlich ausgekühlt, so dass ich nach langem Hin und Her nach 100 km beschloss, auszusteigen und die verbleibenden 4 Runden einfach im Festzelt ums Kuchenbuffet zu absolvieren. Und das war im Fall echt phänomenal!!! 

einmal Wintervollmontur, bitte!
Beim nEverst handelt es sich um einen sportiven Charity Event der absoluten Spitzenklasse, da gibt's am Ende nur strahlende Gewinner. Dank grossartiger Unterstützung von Alexandra & Fabian, Anita & Alexander, Cesare, Christine, Don Carbone, Gabriela, Jonas, Jörg, Jürg, Marion, Moni & Remo, Onkel Tom,  Renato, Ruth & Hans, Sandro, Sascha, Ursi, Ursula, Vreni & Edi und dem weltbesten Lehrerzimmer konnte ich 1840 Fränkli beisteuern, damit 200 Kinder auch im kommenden Jahr garantierten Zugang zu Büchern, Bildung und einem selbstbestimmten Leben erhalten. 


Ich habe an diesem Samstag am Türlersee viele alte Bekannte wieder getroffen, interessante neue Menschen kennengelernt, in viele lachende Gesichter geblickt, mich bestens unterhalten und wurde sogar noch kulinarisch nach Strich und Faden verwöhnt. Was will man mehr?! Vielen herzlichen Dank ans ganze Summits4Hope-Team für diesen unvergesslichen Sporttag - ich mag euch den Erfolg so-was-von gönnen und freue mich, weil ich einen klitzekleinen Teil zum Gelingen beitragen durfte. 

Montag, 21. August 2017

DSS

Gestern durfte ich mich im wunderschönen Seebachtal über die Sprintdistanz wieder einmal total auswinden. Und das ging so: Nach dem Landstart ohne Rangeleien befürchtete ich bei der Wendeboje nach 250 Metern, in Ohnmacht fallen zu müssen. Das tat ich dann aber nicht und krabbelte als zweite Dame aus dem Hüttwilersee. Dame Nummer eins liess ich bereits in der Wechselzone stehen, sie hantierte da noch mit Helm und Schuhen, während ich schon das Schloss Steinegg anvisierte. Der Anstieg da rauf ist und bleibt hart, auch nach all den französischen Bergen und Pässen im Juli. Aber man weiss das ja. Röchelnd und mit Schaum vor dem Mund passierte ich oben das kleine feine Fanklüppli, dachte da einen ganz kurzen Moment lang, das wäre auch mal was, so in der Morgensonne in der Wiese sitzen und bitzli applaudieren, aber eben. Es durfte nur ein Tempo geben, nämlich Vollgas! Die Radstrecke ist äusserst attraktiv, durchaus selektiv und halt eben auch kurz, ist ja ein Sprint. Und so hüpfte ich nach 20 km als erste Dame vom Hobel und rein in die Laufschuhe.

Da ging’s dann gleich mal wieder rauf, mein Puls irgendwo im Nirgendwo, dachte gar nicht mehr atmen zu können. Seitenstecher wie schon lange nicht mehr und die Verfolgerinnen im Nacken, also zuerst mal noch mit gebührendem Abstand, aber ich wusste, dass sich das im Verlauf um den See ändern würde. Nach 4 km trabte dann die spätere Overallgewinnerin an mir vorbei, ich hatte keine Chance mitzugehen. Nach 5 km näherte sich die nächste Verfolgerin, indem sie sich hinter einem Typen versteckte. Vorbeiziehen lassen oder fighten?! Der Herr überholte mich und ich versuchte, dran zu bleiben um noch mal etwas Abstand zu gewinnen. Fail. Konnte das Tempo nicht gehen. Ich liess die Dame also ran kommen. Diese letzte Ecke der Strecke kannte ich von unserem Video-Dreh im Frühling bestens und plante so mein perfides Spielchen, in dem es nur eine Gewinnerin geben konnte: mich oder die andere. Ich nahm absichtlich Tempo raus, sie zog an mir vorbei. Ich hängte mich einige Schritte hinten rein und dann schoss ich wie zu meinen allerbesten Hürdenzeiten an ihr vorbei, das Ziel 300 Meter vor uns. Ich hoffte, dass sie keine pensionierte Leichtathletin mit Sprinterqualitäten war, denn ich würde das exorbitante Tempo unter gar keinen Umständen bis zum Zielstrich durchziehen können... Glück gehabt, schon nach wenigen Metern hatte ich sie so klar distanziert, dass ich wieder vom Gas gehen konnte und mit 6 Sekunden Vorsprung ins Ziel wankte. Lagomio, all out! 


An dieser Stelle vielen herzlichen Dank unserem Teamfotografen für die Bilder des Grauens. Immerhin erlitt die Handykamera dieses Mal keinen Defekt ;-)


Zum Abkühlen gab’s dann noch eine kleine Sprungbrett-Session im See, viel Socializing mit einem ganzen Haufen altbekannter Leute, ein leckeres Stück Kuchen im Festzelt und eine Siegerehrung. Mit über 33 Minuten Vorsprung konnte ich meine Altersklasse gewinnen, overall war das Treppchen etwas enger, wir finishten innert 48 Sekunden. Super organisierter Anlass in einer der schönsten Ecken des Thurgaus. I’ll be back.

Sonntag, 13. August 2017

Schlammschlacht

Nach einer durchaus unterhaltsamen Weiterbildung in kompetenzorientierter Methodik habe ich mich gestern während 3 Stunden und 47 Minuten gefragt, wieso da so wenig davon hängen geblieben ist bei mir oder ich das Gelernte nicht besser umsetzte? Möglicherweise ist mein Hirn nach der ganzen Pedaliererei in Frankreich einfach noch nicht wieder 100% funktionstüchtig... Auf jeden Fall träumte ich mich während dem ganzen Wettkampf immer wieder weg in die Berge und vor allem zurück in den Ferienmodus... Oder anders gesagt: Wenn ich 5 Wochen lang Beethovens Mondscheinsonate in cis-Moll übe, dann klimpere ich am Konzert auch nicht Comptine d'un autre été von Yann Tiersen. Solche und andere Gedanken begleiteten mich gestern in Schaffhausen auf dem Weg zur Silbermedaille in der AK1 in der Langdistanz.
 
Der Rhein war kalt, aber immerhin doch 10 Grad wärmer als die Luft. In dieser ersten Disziplin litt ich am meisten, bin ich  doch während der ganzen langen Ferien keinen einzigen Meter geschwommen. (Und auch kaum einen Meter gerannt.) Der Rhein spült die Athletenschar zwar zuverlässig Richtung Büsingen, aber ungewöhnlich war es schon, so auf den ganzen 5 Kilometern immer wieder überholt zu werden. Und drum ist meine Schwimm-Split auch weit entfernt von schnell. Immerhin habe ich heuer den Ausstieg nicht verpasst.

Mein Rad steckte in der Pole-Position (die hatte ich mir vergangenes Jahr verdient) bereits fast bis zum Ventil im Schlamm mitten im Stoppelfeld fest, wo es wohl etwas Openair-Feeling aus längst vergangenen Tagen schnupperte. Ich hoffte natürlich, unterwegs bald auf ein flottes Zügli aufspringen zu können und das erlaubte Draften so voll zu nutzen, aber daraus wurde wenig bis nichts. Meine Beine fühlten sich ab Start ziemlich bleiern an und mir fehlte der nötige Biss, mich bergauf an Hinterräder zu heften. Nach 20 km hängte ich mich dann endlich an ein Grüppchen, aber dieses harmonierte ausserordentlich schlecht, und sobald ich die Führung jeweils abgab, fiel das Tempo wieder zusammen. Und das kann’s ja dann auch wieder nicht sein, meine Herren! Also radelte ich die 60 km mehr oder weniger im Alleingang, mach ich ja sonst eh auch, einzig eine Biene leistete mir zwischenzeitlich noch etwas Gesellschaft und hinterliess in meiner Schulter ein hübsches Souvenir.

Mit steif gefrorenen Füssen wechselte ich zur dritten Disziplin. Diese konnte ja heiter werden! 14.8 Kilometer galt es zu rennen und ich dachte mir, Step-by-Step wäre wohl die geeignetste Methode. Ich kroch (gefühlt) wie eine Schnecke dahin, konnte aber bereits vor dem Wendepunkt den aktuellen Stand der Dinge eruieren. Dank Don Carbone’s Liveticker wusste ich dann Anfang 2. Runde auch, dass die 3. Platzierte meiner AK eben erst ihr Rad in der Wechselzone deponiert habe und ich so wohl nicht mehr wie sonst so oft durchgereicht werden würde. Ich versuchte, mich ganz einfach nur auf meinen Laufstil zu konzentrieren, weshalb dann wohl die Gesichtszüge etwas entgleisten und ich nur mässig glücklich aussah. Mir tat nichts weh, ich joggte dahin, zählte die Kilometer rückwärts und wollte einfach nur das Begonnene einigermassen würdevoll beenden. Was ich dann auch tat. Überraschend war, dass ich die Strecke ein ganzes Stück schneller als im letzten Jahr gelaufen bin, als ich mich top seriös in allen 3 Disziplinen vorbereitet habe... Tja. 
 

Quintessenz? Egal was ich trainiert habe, ich kann mich an einen Start stellen und mein Rennen machen, der Output ist meist in etwa der Selbe. Velofahren macht starke Beine und Stärken stärken zahlt sich hinten raus aus, auch wenn ich das Lauftraining etwas habe schleifen lassen. Mich zusammen mit Gleichgesinnten ins Wasser werfen, über Hügel knallen und das Ganze noch mit einem Läufli abschliessen, ist zwischendurch schon noch lässig, auch wenn man das als Normalo nicht immer ganz versteht. Und zu guter Letzt: Be happy, but never satisfied.